Syriens Übergangspräsident al-Scharaa in Berlin: Hoffnung oder Rückfall in den Autoritarismus?
Ella WagnerSyriens Übergangspräsident al-Scharaa in Berlin: Hoffnung oder Rückfall in den Autoritarismus?
Syriens kommissarischer Präsident Ahmed al-Scharaa besucht diese Woche Berlin – zu einem Zeitpunkt, in dem seine Regierung wegen autoritärer Politik zunehmend in die Kritik gerät. Die Reise folgt auf den Zusammenbruch des Regimes von Baschar al-Assad im Dezember 2024, ein Umbruch, der zunächst als Chance für demokratische Reformen galt, nun aber Sorgen wegen Menschenrechtsverletzungen und einer Machtkonzentration weckt.
Al-Scharaa übernahm nach Assads Sturz das Amt und setzte eine Übergangsverfassung durch, die die präsidiale Autorität stärkte. Seine Regierung trieb die wirtschaftliche Privatisierung voran, zurückeroberte Gebiete und schloss Abkommen ab – darunter eine Vereinbarung mit kurdischen Kräften im Nordosten Syriens, die deren autonome Selbstverwaltung beendete. Im November 2025 trat Syrien zudem der Anti-IS-Koalition bei. Dennoch bleiben Spannungen mit den drusischen Gemeinschaften im Süden und kurdischen Gruppen bestehen. Zudem verschärften Massenentlassungen von 300.000 bis 400.000 Beschäftigten im öffentlichen Sektor bis Mitte 2025 – vor allem unter Alawiten – die Unruhen im Land.
Sophie Bischoff, Co-Vorsitzende der deutsch-syrischen Menschenrechtsorganisation Adopt a Revolution, bezeichnete den Sturz des Assad-Regimes zwar als "historische Chance für die Demokratie". Gleichzeitig warnte sie jedoch vor einem "gravierenden demokratischen Defizit" unter al-Scharaa und verwies auf wachsenden Autoritarismus sowie Übergriffe gegen Minderheiten. Bischoff begrüßte seinen Berlin-Besuch zwar als "richtigen Schritt", betonte aber, dass sich das deutsche Engagement auf den Aufbau demokratischer Strukturen konzentrieren müsse – und nicht nur auf Abschiebungsabkommen, wie sie Kanzler Friedrich Merz (CDU) in den Fokus rücke.
Adopt a Revolution, seit 2011 in Syrien aktiv, forderte Berlin auf, lokale Gemeinschaften in die Wiederaufbaupläne einzubeziehen. Die Organisation verlangte zudem bessere rechtliche Absicherungen für Syrier:innen in Deutschland, die in ihre Heimat reisen. Farhad Ahma vom syrischen Kulturzentrum PEL-Civil Waves hinterfragte unterdessen, ob Deutschlands Fokus auf die Übergangsregierung zivilgesellschaftliche Stimmen an den Rand dränge.
Al-Scharaas Besuch unterstreicht die brüchige Transition Syriens, geprägt von zentralistischer Kontrolle und ungelösten Konflikten. Zwar wächst die internationale Zusammenarbeit, doch Kritiker:innen pochen auf stärkere Schutzmechanismen für Minderheiten, demokratische Teilhabe und wirtschaftliche Gerechtigkeit. Die Ergebnisse der Berliner Gespräche könnten Syriens Weg in den kommenden Monaten maßgeblich prägen.






