Warum Firmen trotz Fachkräftemangel Stellen nicht besetzen können
Eine neue Studie legt nahe, dass Unternehmen Schwierigkeiten haben, offene Stellen zu besetzen, weil sie die angemessenen Löhne falsch einschätzen. Forscher der Kellogg School of Management entwickelten ein mathematisches Modell, das zeigt, dass Firmen die Bezahlung oft zu niedrig ansetzen und zu langsam anpassen. Diese Fehleinschätzung führt dazu, dass viele Positionen unbesetzt bleiben – selbst wenn qualifizierte Arbeitskräfte verfügbar sind.
Das von Benjamin Friedrich, Alison Zhao und Michal Zator erstellte Modell ergab, dass Unternehmen den tatsächlichen Wert offener Stellen häufig unterschätzen. In der Folge bieten sie Löhne an, die Bewerber nicht anziehen. Das Problem verschärft sich, wenn Firmen zögerlich sind, die Gehälter zu erhöhen – insbesondere bei "peripheren" Jobs, die weniger eng mit ihrem Kerngeschäft verbunden sind.
Besonders schnell wachsende Unternehmen hatten die größten Einstellungsschwierigkeiten: Längere Suchprozesse führten hier zu höheren – nicht niedrigeren – Löhnen. Die Studie zeigte zudem, dass Firmen mit einem weniger konzentrierten potenziellen Arbeitskräftepool größere Probleme hatten, wettbewerbsfähige Gehälter festzulegen. Traditionelle Erklärungsansätze wie Suchreibungen konnten diese Herausforderungen nicht vollständig erklären.
Friedrich, außerplanmäßiger Professor für Strategie, argumentierte, dass ein angemessener Lohn den Arbeitsmarkt stets ausgleichen sollte. Er empfahl Unternehmen, in "Lohnanalyse-Tools" zu investieren, um marktübliche Gehälter zu verfolgen. Unterdessen berichtete der Bundesverband der Selbstständigen (National Federation of Independent Business) im Januar 2026, dass 88 % der einstellenden Kleinbetriebe angaben, kaum oder keine qualifizierten Bewerber zu finden.
Aktuelle deutsche Initiativen zur Verbesserung der Lohntransparenz wurden in der Studie nicht erwähnt. Allerdings wird eine bevorstehende EU-Richtlinie, die im Juni 2026 in Kraft treten soll, Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern verpflichten, in Stellenausschreibungen Gehaltsspannen anzugeben, Fragen nach vorherigen Gehältern zu verbieten und über die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede zu berichten.
Die Forschung unterstreicht ein zentrales Problem: Unternehmen setzen oft Löhne fest, die nicht der Marktnachfrage entsprechen. Ohne bessere Gehaltsdaten dürften die Einstellungslücken bestehen bleiben. Die neuen EU-Regeln zur Lohntransparenz könnten Firmen zwar zu einer Anpassung ihrer Strategie drängen – doch Unternehmen könnten bereits jetzt durch den Einsatz intelligenterer Lohnfindungsinstrumente gegensteuern.






