07 May 2026, 12:10

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Überleben und Antisemitismus in der DDR

Luftaufnahme des Holocaust-Mahnmals für die ermordeten Juden Europas in Berlin, mit zahlreichen weißen und blauen Betonsteinen in einem Gittermuster.

Halberstadts vergessene jüdische Geschichte: Überleben und Antisemitismus in der DDR

Ein neues Buch des Historikers Philipp Graf untersucht die vielschichtige jüdische Geschichte Halberstadts in der DDR-Zeit.„Verweigerte Erinnerung“ deckt Geschichten des kulturellen Überlebens, politische Widersprüche und fortbestehenden Antisemitismus auf. Die Forschung wirft auch einen Blick zurück auf die Zerstörung der Stadt, die lange vor 1945 mit der Pogromnacht von 1938 begann.

Die jüdische Gemeinde Halberstadts erlitt bereits vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs verheerende Verluste. 1938 wurde die Synagoge der Stadt während der Novemberpogrome zerstört – der Beginn ihrer systematischen Auslöschung. Bis 1945 lag weite Teile der historischen Innenstadt in Trümmern, darunter die Rathauspassagen, die später in moderner Form wiederaufgebaut wurden.

In der Nähe entwickelte sich das ehemalige Konzentrationslager Langenstein-Zwieberge zu einem Ort des Gedenkens. Bereits 1949 wurde dort eine Gedenkstätte für die Opfer von Zwangsarbeit eingeweiht. Jahrzehnte später, 1969, gestaltete die DDR den Ort zu einer Kundgebungsstätte für politische Gelöbnisse um – direkt über den Gräbern der Häftlinge errichtet. Unterirdisch wurde ein Tunnelsystem aus der Lagerzeit später als militärisches Depot für die Nationalen Volksarmee der DDR zweckentfremdet.

Grafs Buch lenkt den Blick auf ein oft übersehenes kulturelles Erbe. Trotz Unterdrückung überdauerte jüdisches Kulturgut in der DDR durch Musik, Literatur und persönliche Erzählungen. Aufnahmen der Sängerin Lin Jaldati und Romane von Autoren wie Peter Edel und Jurek Becker hielten die Traditionen lebendig. Dennoch sah sich der Historiker Kritik ausgesetzt, etwa für pauschalisierende Aussagen wie die Behauptung, in der DDR habe es überhaupt kein jüdisches Kulturerbe gegeben.

Aktuelle Spannungen brachen 2018 wieder auf, als die Rathauspassagen an eine Immobilienfirma mit jüdischen Eigentümern verkauft wurden. Der Deal löste Murren über eine angebliche „Verschacherung an Juden“ aus – ein Zeichen dafür, wie tief verwurzelte Vorurteile fortbestehen. Grafs Arbeit, ergänzt durch ein Vorwort der Historikerin Yfaat Weiss und eine annotierte Bibliografie, wirft Licht auf diese Widersprüche.

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Das Buch „Verweigerte Erinnerung“ dokumentiert Halberstadts zerrissenes Erbe – von der NS-Zerstörung über DDR-Gedenkstätten bis zu heutigen Kontroversen. Es hinterfragt vereinfachende Darstellungen der antifaschistischen Geschichte und zeigt Lücken in der Erinnerung an jüdisches Leben auf. Die Erkenntnisse sind zugleich ein Protokoll des Verlorenen – und dessen, was im Stillen weiterbestand.

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